2011
Ein Nach.Ruf
„Ich bin drei Schritte vom Abgrund entfernt
Ich bin drei Schritte vom Abgrund entfernt.
Und ich kann nicht springen.
Und ich kann nicht gehen.
Und vor allen Dingen kann ich hier nicht stehen“
Tocotronic
Ein Zitat sagt mehr als tausend Worte. Und trotzdem komme ich nicht umhin, noch ein paar kurze Worte zu verlieren. Worte zum und über das 40. Uni-Jubiläum im Wintersemester 2011/12:
Alles begann mit einem Senatsempfang am 31. Oktober 2011, auf dem sich der amtierende Rektor Müller und SPD-Bürgermeister Böhrnsen kräftig die Hände schüttelten. Und auch Vertreter_innen der Bundeswehr ließen sich die Ehre nicht nehmen und befanden sich unter den ausgewählten Gästen.
Alles richtig gemacht. Die Uni ist heute neben den Häfen einer der wichtigsten Motoren für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Bremen. Das einst anhaftende Image der Roten Kaderschmiede ist vergessen und die Entwicklung der Uni entspricht ganz den Vorstellungen der Bürgerschaft. In den Reden von Uni-Rektor Müller und Bürgermeister Böhrnsen wird die Anfangszeit der Uni in den 70er Jahren als törichte Dummheit abgetan und gemeinsam wähnt mensch sich nun endlich auf dem richtigen Weg. Der Universität wohlgesonnene Persönlichkeiten wie Gründungsdirektor Thomas von der Vring und Rektor Jürgen Timm, welcher letztendlich die Wende der Universität Bremen einleitete, mit der die Kooperationen mit Land und Wirtschaft massiv ausbaut wurden, empfang sattes Lob, während die ehemaligen Rektoren Hans-Josef Steinberg und Alexander Wittkowsky, trotzdessen sie im Rathaus anwesend waren, nicht einmal Erwähnung fanden. Unter den 300 geladenen Gästen waren vor allem Vertreter_innen aus Politik und Wirtschaft. Dagegen fehlten Uniakteure/Persönlichkeiten, die einen großen Teil ihres Lebens an der Uni verbrachten und ihre Entwicklung mitprägten, wie zum Beispiel Johannes Beck, der den angesehenen Bereich der Lehrer_innenbildung an der Uni reformierte. Heute heißen die Zauberworte Exzellenz, Autonomie und Kooperation, die der Uni die Richtung weisen und letztendlich die Universität an den Rand des Abgrundes treiben. Die eher hilflosen Versuche von einigen wenigen Leuten des bürgerlichen-Parteien-AStAs und SDS wurden mit einem bemitleidenswerten Blick und einer „als Student_in darf mensch ruhig rebellisch sein, das geht auch wieder vorbei“- Arroganz ignoriert und übergangen. Diese Haltung verstärkte der Juso-AStA-Vorsitzende mit seiner schwammigen, eher einschleimenden als kritisierenden und bittstellerischen Rede.
Ende November gab es dann noch einmal eine Geburtstagsparty der besonderen Art: mit der Mensa als Partylocation, einer Lounge und Cocktailbar, sowie einem Buffet mit Fingerfood lockte die Uni mit extrem schlechten Plakaten und trotz Eintritt fast 2000 Menschen an, die diese Universität anscheinend mit Vergnügen feierten. Sogar die Konrektor_innen waren sich nicht zu blöd dafür, als DJanes aufzutreten. Fotos der „wilden“ Party auf dem Niveau des Partymagazins Bremen 4 You sind in der Dezemberausgabe 2011 der universitären Selbstdarstellungszeitung Bremer Uni Schlüssel zu sehen. Abgerundet wird das 40. Jubiläum mit zwei Bildbänden über die Uni Bremen, einem Film und einer Ausstellung in der Sparkasse.
Stimmen, die das Uni-Jubiläum kritisch begleiteten, konnten wir nicht viele hören. Und so kam der wohl leider einzige Versuch, dies zu tun von uns Studierenden der ‚Liste der StudiengangsAktiven‘ LiSA. Unter dem Motto „40 Jahre Uni Bremen: Ein Schritt vor, zwei zurück“ organisierten wir Anfang Dezember zwei Veranstaltungen, die mit jeweils 60 bis 70 Leuten gut besucht waren.
In der Veranstaltung „Unbequeme Fragen stellen?!“, in der es vorrangig um den Umgang mit kritischen Wissenschaftler_innen an der Uni Bremen ging, gab Frieder Nake zuerst einen kleinen Einblick in die 70er Jahre, der Gründungszeit der Uni. Fritz Storim erzählte daraufhin von seinen eigenen Erfahrungen als kritischer Physiker und von den verhängten Berufsverboten in den 70ern und 80er Jahren an der Uni im allgemeinen und von dem Berufsverbot des wissenschaftlich hoch anerkannten Jens Scheers als eines der „berühmtesten“ an dieser Uni. Inge Schmitz-Feuerhake rundete den Abend ab, indem sie detailiert von ihrem Forschungsprojekt, in welchem sie in den 90ern der ungewöhnlich hohen Leukämierate um das AKW Krümmel nachging. Worte zum Kampf um wissenschaftliche Anerkennung ihrer Forschungsergebnisse, sowohl innerhalb der Uni Bremen als auch international, blieben nicht aus.
Die Podiumsdiskussion, welche sich um die Frage „Schafft sich die Uni selber ab?“ drehte, folgte eine Woche darauf. Unter den Podiumsgästen waren die bereits pensionierten Hochschullehrer Gerhard Vinnai und Johannes Beck, sowie Katja Baloschky als ehemalige Studentin und AStA-Vorsitzende Ende der 70er und die aktuelle Konrektorin für Studium und Lehre Heidi Schelhowe. Dabei standen unter anderem Themen wie Projektstudium, Interdisziplinarität, Integriertes Eingangsstudium, die Vergabe von (Einheits-) Noten und Exzellenzinitiative zur Debatte. Gemeinsam wurde ein Blick zurück geworfen und verschiedene Entwicklungen der Universität Bremen diskutiert, wobei der gesellschaftliche Kontext stets mit in die Betrachtungen einbezogen wurde. Abschließend rückte die Diskussion um die aktuelle Lage der Universität in den Vordergrund und wurde mit vielen sehr wichtigen Beiträgen und persönlichen Erfahrungsberichten aus dem Publikum ergänzt. Die Frage nach der Perspektive blieb jedoch offen. Wie können wir mit Hilfe der bereits gemachten Erfahrungen aus der historischen Entwicklung der Uni eine Brücke in eine Zukunft schlagen, in der bestehende Errungenschaften nicht weiter verteidigt werden müssen und stattdessen neue Räume erobert werden können, um dem Bildungsideal freie Bildung für freie Menschen gerecht werden zu können. Die Umsetzung des Wunsches nach einer dritten Veranstaltung, um genau solch zukunftsweisende Fragen diskutieren zu können, wäre dementsprechend besonders begrüßenswert.